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AMD verstehen

Warum Deine Netzhaut mehr über Deine Gesundheit verrät, als Du vielleicht vermutest

Lesedauer: ca. 6–7 Minuten


Das Wichtigste in Kürze

✔ Die altersbedingte Makuladegeneration (AMD) entwickelt sich meist über viele Jahre und ist kein plötzliches Ereignis.

✔ Die Netzhaut gehört zu den stoffwechselaktivsten Geweben unseres Körpers und reagiert besonders empfindlich auf Veränderungen.

✔ Die Retina ist weit mehr als ein Teil des Auges – sie gilt als einzigartiges „Fenster“ zu unserem Gefäß- und Nervensystem.

✔ Eine gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung, Nichtrauchen sowie eine gute Versorgung mit den langkettigen aquatischen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA und antioxidativen Pflanzenstoffen können wichtige Bausteine eines präventiven Lebensstils sein.


Wenn die Diagnose kommt

Für viele Menschen beginnt die Geschichte mit einem Satz beim Augenarzt:

„Sie haben eine altersbedingte Makuladegeneration.“

Dieser Moment löst oft Unsicherheit aus. Warum gerade ich? Kann man etwas dagegen tun? Wie wird sich mein Sehvermögen entwickeln?

Dabei gerät leicht etwas Entscheidendes in den Hintergrund:

Die Diagnose ist selten der Beginn der Erkrankung. Sie ist meist der Zeitpunkt, an dem Veränderungen erstmals sichtbar werden. Unser Körper arbeitet langsam.

Chronische Erkrankungen entstehen in der Regel nicht über Nacht. Sie entwickeln sich oft über viele Jahre – manchmal sogar über Jahrzehnte. Gerade darin liegt eine hoffnungsvolle Botschaft.

Denn was sich langsam entwickelt, bietet häufig auch Möglichkeiten, frühzeitig Einfluss zu nehmen.


Die Netzhaut – ein Fenster in Deinen Körper

Die meisten Menschen betrachten ihre Augen als isoliertes Sinnesorgan.

Tatsächlich sind sie jedoch eng mit dem gesamten Organismus verbunden.

Die Netzhaut ist ein Teil unseres zentralen Nervensystems. Gleichzeitig durchziehen feinste Blutgefäße dieses empfindliche Gewebe und versorgen es ununterbrochen mit Sauerstoff und Nährstoffen.

Das Faszinierende daran:

Kein anderes Gefäßsystem unseres Körpers lässt sich so einfach und direkt betrachten wie die feinen Gefäße der Netzhaut.

Deshalb interessieren sich längst nicht mehr nur Augenärzte für die Retina.

Auch Kardiologen, Diabetologen und Neurologen wissen, dass Veränderungen an den Netzhautgefäßen Hinweise auf den Zustand anderer Gefäße im Körper geben können.

Die Retina ist deshalb weit mehr als die „Tapete“ des Auges. Sie ist ein Spiegel unseres Stoffwechsels, unseres Gefäßsystems und in gewisser Weise auch unseres Lebensstils.

Das bedeutet nicht, dass jede Veränderung im Auge automatisch eine Erkrankung des gesamten Körpers beweist. Aber sie kann ein wertvoller Hinweis sein, genauer hinzusehen.

Nicht nur auf das Auge. Sondern auf den Menschen als Ganzes.


Warum entsteht eine AMD?

Bis heute gibt es nicht die eine Ursache.

Die Wissenschaft geht vielmehr davon aus, dass viele Faktoren zusammenwirken.

Dazu gehören unter anderem:

  • das Lebensalter,
  • genetische Veranlagung,
  • Rauchen,
  • chronischer oxidativer Stress,
  • Stoffwechselerkrankungen,
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
  • Ernährung,
  • Bewegungsmangel und
  • chronische Entzündungsprozesse.

Vielleicht ist genau diese Erkenntnis eine der wichtigsten überhaupt. Gesundheit ist selten das Ergebnis eines einzelnen Faktors. Und Krankheit meist ebenfalls nicht. Unser Körper ist ein komplexes Netzwerk.

Je besser dieses Netzwerk versorgt wird, desto besser kann es seine Aufgaben erfüllen.


Prävention beginnt nicht erst, wenn gespritzt werden muss

Die moderne Augenheilkunde hat in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht.

Insbesondere die Behandlung der feuchten AMD mit intravitrealen Medikamenten hat für viele Betroffene die Prognose deutlich verbessert. Das ist ein großer medizinischer Erfolg.

Gleichzeitig stellt sich jedoch eine wichtige Frage:

Warum sollten wir erst handeln, wenn krankhafte Gefäßneubildungen entstanden sind?

Die trockene AMD ist oft der Zeitpunkt, an dem wir innehalten und den Blick weiten können. Nicht nur auf die Makula. Sondern auf den ganzen Menschen.

Wie sieht meine Ernährung aus?

Wie gut ist meine Versorgung mit den langkettigen aquatischen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA?

Nehme ich regelmäßig Lebensmittel auf, die reich an Lutein, Zeaxanthin und anderen antioxidativen Pflanzenstoffen sind?

Bewege ich mich ausreichend?

Rauche ich?

Wie gut sind Blutdruck, Blutzucker und andere Stoffwechselparameter?

Keine dieser Maßnahmen ersetzt eine augenärztliche Behandlung. Aber jede einzelne kann dazu beitragen, die biologischen Voraussetzungen für gesunde Zellen zu verbessern.

Prävention beginnt deshalb nicht mit einer Spritze. Sie beginnt viele Jahre früher.


Warum die Ernährung eine so große Rolle spielt

Unsere Netzhaut gehört zu den Geweben mit dem höchsten Energieverbrauch. Sie arbeitet ohne Pause. Tag und Nacht.

Damit sie diese Leistung erbringen kann, ist sie auf eine kontinuierliche Versorgung mit hochwertigen Nährstoffen angewiesen.

Besonders interessant sind dabei zwei Gruppen von Stoffen:

Die langkettigen aquatischen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA sowie antioxidative Pflanzenstoffe wie Lutein, Zeaxanthin und Meso-Zeaxanthin.

EPA und DHA sind Bestandteile unserer Zellmembranen und spielen eine wichtige Rolle für deren Funktion. Lutein und Zeaxanthin bilden das Makulapigment – den natürlichen Lichtfilter unserer Netzhaut.

Diese Stoffe können eine ausgewogene Ernährung nicht ersetzen. Sie sind vielmehr Bestandteile einer Ernährung, wie sie unser Körper über viele Jahrtausende kennengelernt hat.

Gesundheit entsteht nicht durch einzelne Kapseln. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel vieler guter Entscheidungen.


Der größte vermeidbare Risikofaktor

Bei vielen Themen der Medizin gibt es unterschiedliche Meinungen. Beim Rauchen ist die Datenlage dagegen eindeutig.

Rauchen zählt zu den wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktoren für die Entstehung und das Fortschreiten einer AMD. Es verschlechtert die Durchblutung, erhöht den oxidativen Stress und belastet die empfindlichen Strukturen der Netzhaut.

Die gute Nachricht:

Unser Körper besitzt eine erstaunliche Fähigkeit zur Regeneration. Jeder Tag ohne Zigarette ist ein Gewinn.

Für Deine Lunge.

Für Dein Herz.

Für Deine Gefäße.

Und auch für Deine Augen.


Die wichtigste Frage lautet nicht: „Welche Krankheit habe ich?“

Sondern vielleicht diese:

„Welche Bedingungen braucht mein Körper, um möglichst gesund arbeiten zu können?“

Diese Frage verändert den Blick. Sie macht aus einem Patienten wieder einen aktiven Menschen.

Nicht alles liegt in unserer Hand. Aber deutlich mehr, als wir lange geglaubt haben. Genau darin liegt für mich der eigentliche Sinn moderner Prävention.


Was ich Dir mitgeben möchte

Wenn bei Dir eine trockene AMD festgestellt wurde, dann sieh diese Diagnose nicht nur als Erkrankung Deiner Augen.

Betrachte sie als Einladung, Deinem gesamten Körper Aufmerksamkeit zu schenken. Die Netzhaut ist eines der ersten Organe, an dem wir Veränderungen erkennen können.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, nicht nur die Augen behandeln zu lassen. Sondern gleichzeitig den eigenen Lebensstil zu hinterfragen.

Nicht aus Angst. Sondern aus Wertschätzung für den eigenen Körper.


Ein Gedanke zum Schluss

Unsere Augen erzählen uns Geschichten. Nicht nur darüber, wie gut wir sehen. Sondern manchmal auch darüber, wie es unserem Körper insgesamt geht.

Vielleicht ist genau das die größte Chance einer frühen AMD. Sie gibt uns die Möglichkeit, nicht nur das Auge zu betrachten. Sondern den ganzen Menschen.

Und genau dort beginnt echte Prävention.


Mehr erfahren

Trockene und feuchte AMD – wo liegt der Unterschied?

Die trockene AMD entwickelt sich meist langsam. Typisch sind Veränderungen des retinalen Pigmentepithels und sogenannte Drusen. Bei der feuchten AMD wachsen zusätzlich krankhafte Blutgefäße unter der Netzhaut, die Flüssigkeit oder Blut austreten lassen können. Dadurch kann sich das zentrale Sehen innerhalb kurzer Zeit verschlechtern. Moderne intravitreale Therapien haben die Behandlung der feuchten AMD erheblich verbessert. Umso wichtiger bleibt es, Veränderungen frühzeitig zu erkennen und regelmäßig augenärztlich kontrollieren zu lassen.

Warum aquatische Omega-3-Fettsäuren?

Wenn in Studien ein Zusammenhang zwischen Omega-3 und der Augengesundheit beschrieben wird, beziehen sich diese Untersuchungen überwiegend auf die langkettigen aquatischen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA. Pflanzliche Omega-3-Quellen wie Leinöl liefern hauptsächlich Alpha-Linolensäure (ALA). Da der menschliche Körper ALA nur in sehr begrenztem Umfang in EPA und insbesondere DHA umwandelt, sind beide Fettsäuregruppen ernährungsphysiologisch nicht gleichzusetzen.


Im nächsten Artikel

Gesunde Augen entstehen nicht durch einen einzelnen Nährstoff. Im letzten Fachartikel dieser Reihe schauen wir auf das große Ganze: Bewegung, Schlaf, Darmgesundheit, Stress, soziale Beziehungen und warum Gesundheit immer das Ergebnis vieler kleiner Entscheidungen ist.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Holz FG, Pauleikhoff D, Spaide RF et al. Altersabhängige Makuladegeneration. Springer.
  • Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG).
  • Ambati J, Fowler BJ. Mechanisms of Age-Related Macular Degeneration. Neuron.
  • Cheung N, Wong TY. The retinal vasculature as a window to the heart and brain. Progress in Retinal and Eye Research.
  • Wong TY, Mitchell P. The eye in hypertension. Lancet.
  • von Schacky C. Publikationen zum HS-Omega-3-Index® und den langkettigen aquatischen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA.
  • Gröber U. Mikronährstoffe – Metabolic Tuning – Prävention – Therapie.