,

Warum immer mehr Kinder kurzsichtig werden – und weshalb wir heute ihre Augen besser verstehen als je zuvor

Lesedauer: ca. 6–7 Minuten

Eigentlich ist jedes Kinderauge ein kleines Wunder

Kinder werden in der Regel nicht kurzsichtig geboren. Im Gegenteil. Die meisten Neugeborenen kommen mit einer leichten Weitsichtigkeit zur Welt.

Das ist kein Fehler der Natur.

Es ist Teil eines erstaunlich gut durchdachten Entwicklungsprozesses.

Während ein Kind wächst, wächst auch sein Auge. Über viele Jahre versucht der Körper dabei, einen Zustand zu erreichen, den Augenärzte und Optiker Emmetropie nennen – also möglichst scharfes Sehen ohne Brille.

Man könnte sagen: Das Auge kalibriert sich selbst.

Bei den meisten Kindern gelingt das erstaunlich gut. Manchmal wächst das Auge jedoch über dieses Ziel hinaus. Dann wird aus der leichten Weitsichtigkeit eine Kurzsichtigkeit.

Und genau dieser Entwicklung widmet sich heute ein großer Teil der internationalen Forschung.


Kurzsichtigkeit ist mehr als eine Fehlsichtigkeit

Bei einer Kurzsichtigkeit liegt der Brennpunkt des Lichtes nicht genau auf der Netzhaut, sondern davor.

Entfernte Gegenstände erscheinen unscharf.

Eine Brille oder Kontaktlinsen gleichen diesen optischen Fehler aus und sorgen wieder für scharfes Sehen.

Die eigentliche Ursache liegt jedoch meist woanders. Bei vielen kurzsichtigen Kindern wächst der Augapfel stärker in die Länge, als es biologisch vorgesehen wäre.

Je länger das Auge wird, desto stärker nimmt die Kurzsichtigkeit zu. Deshalb richtet sich der Blick der Wissenschaft heute nicht mehr nur auf die Brillenstärke. Sondern auf die Entwicklung des Auges selbst.


Warum werden Kinder heute häufiger kurzsichtig?

Gene spielen dabei zweifellos eine Rolle.

Ist ein Elternteil kurzsichtig, steigt auch das Risiko für das Kind. Sind beide Eltern betroffen, erhöht sich dieses Risiko weiter. Doch unsere Gene haben sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht grundlegend verändert.

Die Zahl kurzsichtiger Kinder dagegen schon.

Deshalb muss es noch weitere Einflüsse geben. Unser Alltag hat sich verändert.

Kinder verbringen heute deutlich mehr Zeit in Innenräumen. Sie lesen, lernen und nutzen digitale Medien häufiger als frühere Generationen. Gleichzeitig verbringen viele Kinder weniger Zeit im Freien.

Und genau hier wird es besonders spannend.


Tageslicht ist Nahrung für die Entwicklung der Augen

Lange Zeit vermutete man, dass vor allem die Naharbeit für die zunehmende Kurzsichtigkeit verantwortlich ist.

Heute wissen wir, dass auch das natürliche Tageslicht eine wichtige Rolle spielt.

Im Freien ist die Lichtintensität – selbst an einem bewölkten Tag – um ein Vielfaches höher als in Innenräumen. Dieses helle Tageslicht regt unter anderem die Ausschüttung des Botenstoffes Dopamin in der Netzhaut an.

Dopamin scheint eine wichtige Rolle bei der Regulation des Augenwachstums zu spielen.

Zahlreiche wissenschaftliche Studien zeigen, dass Kinder, die regelmäßig Zeit im Freien verbringen, seltener kurzsichtig werden oder deren Kurzsichtigkeit langsamer zunimmt.

Natürlich ersetzt Spielen im Freien keine Brille.

Es zeigt jedoch eindrucksvoll, wie eng die Entwicklung unserer Augen mit unserem Lebensstil verbunden ist.


Warum wir heute genauer hinschauen

Früher bestand die Versorgung kurzsichtiger Kinder vor allem darin, die Brille regelmäßig an die veränderte Sehstärke anzupassen.

Heute wissen wir, dass es sinnvoll sein kann, die Entwicklung der Kurzsichtigkeit möglichst früh im Blick zu behalten.

Denn eine höhere Kurzsichtigkeit bedeutet nicht nur stärkere Brillengläser. Mit zunehmender Länge des Auges steigt auch das Risiko bestimmter Augenerkrankungen im späteren Leben.

Deshalb gewinnt die sogenannte Myopiekontrolle weltweit zunehmend an Bedeutung.

Ihr Ziel ist es, das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit möglichst zu verlangsamen.

Die augenärztliche Untersuchung bildet dabei die Grundlage, um die Augengesundheit zu beurteilen und Erkrankungen auszuschließen.

Darauf aufbauend können – je nach Situation – spezielle Brillengläser oder Kontaktlinsen Teil eines individuellen Versorgungskonzeptes sein.


Warum regelmäßige Kontrollen so wichtig sind

Kinderaugen verändern sich.

Manchmal langsam. Manchmal überraschend schnell.

Deshalb sind regelmäßige augenärztliche Kontrollen besonders wichtig.

Sie helfen dabei, Veränderungen frühzeitig zu erkennen und die Entwicklung der Kurzsichtigkeit über einen längeren Zeitraum zu beobachten.

In spezialisierten Zentren wird dabei teilweise auch die Augenlänge gemessen. Sie gilt als eine der objektivsten Möglichkeiten, das Wachstum des Auges zu beurteilen.

Unabhängig davon bleibt die regelmäßige augenärztliche Kontrolle die wichtigste Grundlage, um Kinderaugen sicher zu begleiten.


Was Du aus diesem Artikel mitnehmen kannst

✔ Die meisten Kinder werden mit einer leichten Weitsichtigkeit geboren.

✔ Während des Wachstums versucht sich das Auge auf möglichst scharfes Sehen ohne Brille einzustellen.

✔ Kurzsichtigkeit entsteht meist dadurch, dass das Auge stärker in die Länge wächst als vorgesehen.

✔ Gene spielen eine Rolle – erklären die Entwicklung jedoch nicht allein.

✔ Regelmäßige Zeit im Freien gehört zu den wirksamsten Maßnahmen, um das Risiko einer Kurzsichtigkeit zu senken oder ihr Fortschreiten zu verlangsamen.

✔ Myopiekontrolle verfolgt das Ziel, das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit möglichst zu verlangsamen.

✔ Die augenärztliche Untersuchung bildet die Grundlage für die Beurteilung der Augengesundheit.

✔ Spezielle Brillengläser oder Kontaktlinsen können – je nach individueller Situation – Teil eines modernen Myopiekonzeptes sein.

Mein persönlicher Gedanke

Mich fasziniert an diesem Thema vor allem eines.

Kinderaugen wachsen nicht zufällig. Sie folgen einem biologischen Plan.

Meist gelingt dieser Plan erstaunlich gut. Manchmal gerät er aus dem Gleichgewicht.

Die gute Nachricht ist:

Heute verstehen wir diese Zusammenhänge besser als noch vor wenigen Jahren.

Dieses Wissen erlaubt es uns, Kinder und ihre Eltern früher zu begleiten und gemeinsam Entscheidungen zu treffen, die die Entwicklung der Augen möglichst positiv beeinflussen können.

Nicht aus Angst.

Sondern aus dem Wunsch heraus, Kindern die bestmöglichen Voraussetzungen für gesundes Sehen mit auf den Weg zu geben.